Die Zukunft der IDE in der Prozessautomation – Ein Interview mit Dr. Christian Linn
Sebastian Dietrich
Christian, schön, dass du wieder bei uns bist. Es gibt mehrere Themen, die wir heute ansprechen möchten, aber wir wollen uns besonders auf Nutzerinteraktion, Interfaces und UI im Kontext der Prozessautomatisierung konzentrieren. Aus deiner Perspektive: Worauf sollten sich Unternehmen mit Blick auf 2026 vorbereiten?
Christian Linn
Sehr gerne.
Sebastian Dietrich
Wenn wir über Prozessautomatisierung sprechen, kommen wir immer wieder an den Punkt, bestimmte Begriffe neu zu bewerten, die seit Jahren verwendet werden. Ein Beispiel dafür ist das Konzept des Citizen Developers. Wie relevant ist dieses Thema aus deiner Sicht heute noch? Begegnet es dir im Markt weiterhin, oder hat es an Bedeutung verloren?

Christian Linn
Der Citizen Developer ist ein Konzept, das sich in den vergangenen Jahren in unterschiedlichen Bereichen entwickelt hat. Im Kern geht es darum, Menschen ohne klassische Programmier- oder Softwareentwicklungsausbildung in die Lage zu versetzen, Anwendungen zu entwickeln. Grundsätzlich hat dieser Ansatz seine Berechtigung, allerdings nicht für alle Anwendungsfälle und Einsatzbereiche.
Wie bei vielen Themen im IT- und Technologiebereich waren die Erwartungen zu Beginn sehr hoch. Mit der Zeit hat sich jedoch gezeigt, dass diese Erwartungen nur teilweise erfüllt wurden. Der Grund dafür ist vergleichsweise einfach. Es gibt Szenarien, in denen Anwendungen, die mithilfe von Low-Code-Ansätzen durch Citizen Developer erstellt wurden, gut funktionieren und einen echten Mehrwert liefern.
Sobald wir jedoch über geschäftskritische, komplexe Prozesse und Systeme sprechen, stoßen diese Ansätze schnell an ihre Grenzen. Entscheidend ist am Ende nicht, wie schnell sich eine Anwendung zusammenklicken lässt, sondern ob sie auf einer skalierbaren, sicheren und wartbaren Architektur basiert und ob ein tragfähiges Softwarekonzept dahintersteht. Genau an dieser Stelle zeigen sich häufig die Grenzen von Citizen-Developer-Ansätzen.
Sebastian Dietrich
Ein weiteres Konzept, das man häufig sieht, insbesondere in der externen Kommunikation, wenn Lösungen als besonders einsteigerfreundlich positioniert werden, sind grafische Drag-and-Drop-Oberflächen. Am anderen Ende des Spektrums entsteht nun mit Vibe Coding ein Ansatz, der auf natürlicher Sprache und KI basiert. Sind das zwei Extreme, oder sprechen diese Ansätze einfach unterschiedliche Zielgruppen an?
Christian Linn
Sie sprechen in erster Linie unterschiedliche Zielgruppen an, auch wenn das zugrunde liegende Ziel sehr ähnlich ist. Beide Ansätze zielen darauf ab, die Entwicklungszeit von Softwareanwendungen deutlich zu verkürzen.
Low-Code-Ansätze mit grafischen Benutzeroberflächen richten sich vor allem an Citizen Developer, können aber je nach Anwendungsfall auch professionelle Entwickler unterstützen, indem sie eine schnelle Umsetzung ermöglichen. Vibe Coding hingegen ist ein relativ neuer Ansatz, bei dem Softwareentwicklung durch KI über natürliche Sprache oder Spracheingaben gesteuert wird.
Beide Ansätze haben ihre Vorteile, aber auch ihre Einschränkungen. In der Praxis, insbesondere im Bereich der Prozessautomatisierung und Enterprise-Software, wird sich für viele Anwendungsfälle eine Lösung irgendwo zwischen diesen Extremen etablieren.
Sebastian Dietrich
Wenn diese Ansätze den Weg von der Idee zur Anwendung für unterschiedliche Zielgruppen verkürzen, ist das natürlich attraktiv. Gleichzeitig müssen Anwendungen und Architekturen weiterhin validiert und optimiert werden. Bedeutet das eine Rückkehr zu Pro-Code-Entwicklung, oder zeigt es vielmehr, dass man ohne tiefgehende Coding-Kompetenz das Gesamtbild nicht vollständig erfassen kann?

Christian Linn
Diese Frage ist eng damit verbunden, ob wir künftig weiterhin Softwareentwickler benötigen, die tatsächlich Code schreiben können. Meine Antwort darauf ist eindeutig: ja, absolut.
Vibe-Coding-Tools und Coding-Assistenten sind in erster Linie Werkzeuge, um das Schreiben von Code und die Entwicklung von Anwendungen zu beschleunigen. Dort, wo sie weiterhin an Grenzen stoßen und wo tiefgehende Expertise notwendig bleibt, ist der Bereich Architektur und technisches Design. Dazu zählen Modularisierung, das Design komplexer Systeme und das Verständnis dafür, wie sich eine Anwendung im Gesamtsystem verhält.
Das Schreiben von Code ist nur ein Teil der Softwareentwicklung. Genau hier können diese Tools sehr gut unterstützen. Wenn es jedoch um geschäftskritische Software geht, braucht es Erfahrung, um robuste Architekturen zu entwerfen sowie Sicherheit, Performance und langfristige Wartbarkeit sicherzustellen. Diese Expertise lässt sich nicht ersetzen.
Was wir allerdings sehen werden, ist, dass KI-gestützte Entwicklungsansätze klassischen Low-Code-Lösungen zunehmend Konkurrenz machen. Einfache Anwendungen, Demos, Proofs of Concept und Prototypen lassen sich bereits heute extrem schnell über natürliche Sprache realisieren. In vielen Fällen ist das sogar schneller als mit klassischen Low-Code-Werkzeugen. Ich gehe davon aus, dass sich dieser Trend weiter verstärken wird.
Sebastian Dietrich
Mit Blick auf 2026 würdest du also sagen, dass wir uns auf einen Sweet Spot zwischen Low-Code und professionellen Pro-Code-Frameworks zubewegen?

Christian Linn
Ich halte es für sinnvoll, hier zwischen drei Bereichen zu unterscheiden. Klassische Low-Code-Ansätze eignen sich gut für Anwendungen mit begrenzter Kritikalität, insbesondere dann, wenn es im Unternehmenskontext ausreichende Governance- und Compliance-Strukturen gibt, um solche Anwendungen sicher zu betreiben. In diesen Fällen können sie sehr hilfreich sein, um bestimmte Use Cases in einzelnen Fachbereichen umzusetzen.
Vibe Coding zeigt seine Stärken vor allem bei Demos, Proofs of Concept und Prototypen. Es ermöglicht, Ideen sehr schnell zu validieren, Feedback einzuholen und weiterzuentwickeln. Dafür ist dieser Ansatz hervorragend geeignet.
Wenn wir jedoch über produktive Enterprise-Anwendungen sprechen, also über zentrale IT-Systeme und geschäftskritische Kernprozesse, benötigen wir weiterhin eine Kombination aus KI-gestützter Codegenerierung und gezielter Pro-Code-Entwicklung. Die Expertise erfahrener Softwareentwickler bleibt entscheidend, um sicherzustellen, dass diese Systeme den Anforderungen moderner Unternehmens-IT gerecht werden.
Sebastian Dietrich
Wenn wir alle Ebenen betrachten, von Plattformanbietern bis hin zu Endanwendern, die kleine Anwendungen entwickeln, wissen wir, dass Entwicklung allein nicht ausreicht. Ein großer Teil der Arbeit entfällt auf Debugging und vor allem auf Testing. Ist das ein Bereich, in dem KI-Agenten bereits heute klaren Mehrwert liefern?

Christian Linn
Absolut. KI unterstützt bereits heute sehr unterschiedliche Phasen des Software-Lifecycles. Wir haben viel über Entwicklung gesprochen, also über Codegenerierung, Testgenerierung, Dokumentation oder die Übersetzung von Anforderungen in technische Spezifikationen.
Darüber hinaus sehen wir, dass KI und insbesondere KI-Agenten zunehmend den operativen Betrieb von Softwarelösungen unterstützen. Dazu gehören Monitoring, Fehleranalyse und in einigen Fällen sogar autonomes Debugging. In bestimmten Szenarien kann KI Probleme identifizieren, korrigieren und aktualisierte Softwareversionen automatisch wieder in Betrieb nehmen.
Es gibt viele Bereiche, in denen KI-Agenten bereits heute einen echten Mehrwert in der Software-Operation liefern. Das ist auch eine Richtung, in der wir die Scheer PAS Plattform im Jahr 2026 weiter ausbauen möchten.
Sebastian Dietrich
Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass agentische KI mehr Kontrolle und Unterstützung bringt, statt lediglich Ergebnisse zu produzieren, die dann unkontrolliert weiterverwendet werden.
Christian Linn
Genau. Bei Enterprise-Software ist Entwicklung immer nur ein Teil des Gesamtbildes. Betrieb und Wartung sind mindestens genauso wichtig. Wenn KI beide Bereiche unterstützen kann und gleichzeitig die notwendige Kontrolle erhalten bleibt, dann ergibt das einen echten Mehrwert.
Sebastian Dietrich
Ein sehr gutes Schlusswort. Vielen Dank, Christian.



