Experteninterview: Warum Europa keine digitale Kolonie werden darf
Sebastian Dietrich
Hi Sharam, schön, dass du da bist. Heute sprechen wir über spannende Entwicklungen rund um RPA und natürlich KI. Meine erste Frage: Wie hat sich Agentic AI deiner Meinung nach in den letzten Jahren auf die klassische Robotic Process Automation ausgewirkt oder sie sogar ersetzt? Und wie wird sich das in 2026 weiterentwickeln?
Sharam Dadashnia
Gute und für 2026 sehr naheliegende Frage. Es gibt zwei zentrale Aspekte. Der erste ist Integration. Klassische RPA hat über Benutzeroberflächen automatisiert und menschliches Verhalten nachgeahmt. Bots haben geklickt und getippt statt Menschen. Das war lange eine Brückentechnologie.
“Klassische RPA war eine Brückentechnologie. Agentic AI adressiert die Realität von Wissensarbeit und Entscheidungsfindung.”
Heute stellen moderne Softwarearchitekturen APIs bereit. Die Automatisierung über die Oberfläche wird damit weitgehend überflüssig. Das sieht man im Markt. Die großen RPA-Anbieter kämpfen seit Jahren mit sinkenden Bewertungen und Umsätzen. Klassische RPA wird nicht nur seltener gebraucht, sie ist auch starr. Regelbasierte Automationen tun sich schwer mit veränderlichen Oberflächen und dynamischen Umgebungen.

Der zweite Aspekt betrifft Wissensarbeit. In echten Geschäftsprozessen sind Entscheidungen selten reine Regelwerke. Menschen sammeln Informationen aus vielen Quellen, bewerten den Kontext, treffen Urteile und geben Ergebnisse an Systeme zurück. Genau hier schafft Agentic AI echten Mehrwert.
Agentic AI kann die Vorbereitung von Entscheidungen unterstützen oder vollständig übernehmen. Sie aggregiert Daten, analysiert Dokumente und liefert kontextbezogene Empfehlungen. Viele Unternehmen setzen aktuell auf Human-in-the-Loop. Die KI bereitet vor, der Mensch entscheidet final. Das ist verständlich. Niemand ist bereit, Verantwortung komplett an KI abzugeben.
Ein Beispiel aus der Versicherung: Vorgänge, die früher 20 bis 30 Minuten dauerten, lassen sich auf etwa fünf Minuten reduzieren, wenn alle relevanten Informationen vorab analysiert und aufbereitet sind. Wenn das Vertrauen wächst, wird Vollautomatisierung zum realistischen nächsten Schritt.
Sebastian Dietrich
Du hast Vertrauen als Thema jetzt mehrfach angesprochen. In regulierten Branchen ist das besonders wichtig. Viele Lösungen basieren auf Cloud-Technologien. Mit Blick auf die Lage zwischen EU, Asien und USA: Wie entwickelt sich Vertrauen in diesem Kontext, zum Beispiel mit Initiativen wie der EU Sovereign Cloud?
Sharam Dadashnia
In der Praxis sehen wir zwei Muster. Viele KI-Services kommen weiterhin aus den USA. Gleichzeitig betreiben die US‑Hyperscaler Rechenzentren in Europa, auch in Deutschland. Darüber lassen sich hochsichere, isolierte KI‑Lösungen bereitstellen, die den Anforderungen an EU‑Souveränität entsprechen.
Entscheidend ist: KI-Einsatz ist immer use-case-getrieben. Nicht jedes Szenario braucht maximale Rechenleistung aus einem Service außerhalb der EU. In vielen Fällen haben wir bereits dedizierte und geschützte KI‑Systeme umgesetzt, gerade im Public Sector und in stark regulierten Umfeldern. Sie laufen vollständig in kontrollierten Rechenzentren und sind DSGVO‑konform.
Bei öffentlichen oder nicht sensiblen Daten sind die Hürden naturgemäß niedriger. Jedes Projekt braucht eine individuelle Bewertung von Datensensibilität, Compliance und Technik. Wichtig ist die Wahlfreiheit. Europäische Anbieter wie Mistral und Open‑Source‑Modelle lassen sich integrieren und als Managed Service betreiben. Wir binden uns bewusst nicht exklusiv an einen Anbieter.
Sebastian Dietrich
Blicken wir auf diese Modelle und kommende Regulierungen wie den EU AI-Act. Bremst das Innovation und Automatisierung aus oder ist sie ein notwendiger Korrekturschritt nach den letzten Jahren.
Sharam Dadashnia
Das wirkt oft heikel, sollte es aber nicht sein. Aus meiner Sicht schafft die Verordnung, die dieses Jahr voll wirksam wird, einen nötigen Rahmen. Sie zwingt Organisationen, Use Cases einzuordnen. Stark kritisch, sensibel oder eher geringes Risiko.
“Die EU-KI-Verordnung bremst Innovation nicht. Sie schafft Klarheit und Vertrauen.”
Das ist in dieser großen KI‑Euphorie positiv. Es verhindert den sorglosen Umgang mit sensiblen Daten, etwa wenn vertrauliche Informationen in unsichere Systeme wandern. Diese Regeln bremsen Innovation nicht, sie schaffen Transparenz. Im Kern ist es eine Art Kennzeichnung, die zeigt, welche Dienste für welche Anwendungsfälle geeignet sind.

Mit dieser Klarheit lassen sich Lösungen leichter compliant gestalten. Das setzen wir heute bereits erfolgreich mit unseren Kunden um. Wir sehen die Verordnung nicht als Hindernis, sondern als zusätzliche Absicherung.
Sebastian Dietrich
Das ist gut, denn viele Anbieter sehen das anders. Als Plattformanbieter: Wie sichern wir technologische Souveränität über Geschäftsprozesse, integrieren bestehende Lösungen und bleiben zukunftsfähig?
Sharam Dadashnia
Unsere Plattform schafft volle Transparenz und Kontrolle in jedem Prozessschritt. Wir sehen, wo Daten herkommen, wie sie verarbeitet werden und wohin sie fließen.
Wenn ein Unternehmen KI‑Dienste außerhalb der EU nutzt, etwa bekannte US‑KI‑Modelle, machen wir das sichtbar. So wird Compliance aktiv überprüfbar und Entscheidungen werden fundiert. Manches ist problemlos vertretbar. Anderes muss aus Risiko- oder Regulierungssicht neu bewertet werden.
Diese Transparenz ist zentral. Sie ermöglicht bewusste Entscheidungen zu Souveränität, Compliance und zur künftigen Architektur.
Sebastian Dietrich
Gleichzeitig wächst der Bedarf an technologischer Weiterentwicklung. Es gibt verstärkt Interesse an Multi‑Agenten‑Systemen und Open Source. Warten Unternehmen auf eine europäische Open‑Source‑Bewegung, bis sie reif ist?
Sharam Dadashnia
Viele Organisationen experimentieren bereits mit KI‑Agenten in abgegrenzten Use Cases. Im Wesentlichen sehen wir zwei Herangehensweisen.
Erstens den disruptiven Ansatz. Ganze Bereiche oder Prozesse werden mit einem AI‑first‑Mindset neu gedacht. Das ist mutig. Zweitens den evolutionären Ansatz, der im DACH‑Raum viel häufiger ist. Bestehende Prozesse werden Schritt für Schritt mit KI angereichert.
Die Strategie ist oft klar. Die breite Umsetzung ist noch selten. Die meisten starten klein, um Vertrauen aufzubauen. Wir identifizieren Prozessschritte mit guter Balance aus Aufwand und Wirkung. So entstehen Quick Wins. Das schafft Vertrauen und Tempo für größere Initiativen.
Start-ups fahren oft von Beginn an AI‑first. Etablierte Unternehmen gehen vorsichtiger vor, aber stetig.
Sebastian Dietrich
Viele starten lieber mit einem etablierten Anbieter statt direkt mit Open Source.
Sharam Dadashnia
Das hängt von Reifegrad und internen Fähigkeiten ab. Eigenes Know-how aufzubauen dauert. Vor allem in einem jungen Feld mit wenig Erfahrung am Markt.
Große Unternehmen gehen oft beide Wege parallel. Open Source und Enterprise‑Lösungen. Wir nutzen Open‑Source‑Modelle, wo es passt. Gleichzeitig kennen wir die Komplexität. Wir arbeiten seit über fünf Jahren an KI‑getriebener Prozessautomation und haben viele Anfangshürden genommen.
Ein erfahrener Anbieter reduziert Zeit, Kosten und Risiko spürbar. Wie bei jedem komplexen System wird professionelle Unterstützung unverzichtbar, wenn es um Skalierung, Verlässlichkeit und Compliance geht.
Sebastian Dietrich
Zum Abschluss: Deine Einschätzung für 2026 zu unseren Themen?
Sharam Dadashnia
2026 wird für die KI‑Adoption im DACH‑Raum und in Europa entscheidend. Die öffentliche Debatte ist oft zu optimistisch. In der Realität stehen viele Unternehmen noch am Anfang.

Gleichzeitig steigt die Arbeitslast, Kapazitäten sind knapp. Der demografische Wandel und das Ausscheiden der Babyboomer führen zu großem Wissensverlust. KI und Prozessautomatisierung sind essenziell, um diese Lücke zu schließen, ohne Qualität zu verlieren.
“Europa darf keine digitale Kolonie der USA oder Asiens werden. Das ist unsere Mission. Der richtige Zeitpunkt ist jetzt.”
Wenn Europa jetzt nicht handelt, sind andere schneller. Mein Ziel ist klar. Wettbewerbsfähig bleiben, unabhängig sein und auf eigene Lösungen vertrauen. Europa darf keine digitale Kolonie der USA oder Asiens werden. Daran arbeiten wir. Und der richtige Zeitpunkt ist jetzt.



