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Die Zukunft der IDE in der Prozessautomation – Ein Interview mit Dr. Christian Linn

13. Februar | Ivan Tadić

Sebastian Dietrich

Christian, schön, dass du wieder bei uns bist. Es gibt mehrere Themen, die wir heute ansprechen möchten, aber wir wollen uns besonders auf Nutzerinteraktion, Interfaces und UI im Kontext der Prozessautomatisierung konzentrieren. Aus deiner Perspektive: Worauf sollten sich Unternehmen mit Blick auf 2026 vorbereiten?

 

 

Christian Linn

Gerne! Ich denke auch, es gibt einige neue Trends zu besprechen.

 

 

Sebastian Dietrich

Wenn wir über Prozessautomatisierung sprechen, kommen wir immer wieder an den Punkt, bestimmte Begriffe neu zu bewerten, die seit Jahren verwendet werden. Ein Beispiel dafür ist das Konzept des Citizen Developers. Wie relevant ist dieses Thema aus deiner Sicht heute noch? Begegnet es dir im Markt weiterhin, oder hat es an Bedeutung verloren?

Christian Linn

Der Citizen Developer ist ein Konzept, das sich in den vergangenen Jahren in unterschiedlichen Bereichen entwickelt hat. Im Kern geht es darum, Menschen ohne klassische Programmier- oder Softwareentwicklungsausbildung in die Lage zu versetzen, Anwendungen zu entwickeln. Grundsätzlich hat dieser Ansatz seine Berechtigung, allerdings nicht für alle Anwendungsfälle und Einsatzbereiche.

 

Wie bei vielen Themen im IT- und Technologiebereich waren die Erwartungen zu Beginn sehr hoch. Mit der Zeit hat sich jedoch gezeigt, dass diese Erwartungen nur teilweise erfüllt wurden. Der Grund dafür ist vergleichsweise einfach. Es gibt Szenarien, in denen Anwendungen, die mithilfe von Low-Code-Ansätzen durch Citizen Developer erstellt wurden, gut funktionieren und einen echten Mehrwert liefern.

 

Sobald wir jedoch über geschäftskritische, komplexe Prozesse und Systeme sprechen, stoßen diese Ansätze schnell an ihre Grenzen. Entscheidend ist am Ende nicht, wie schnell sich eine Anwendung zusammenklicken lässt, sondern ob sie auf einer skalierbaren, sicheren und wartbaren Architektur basiert und ob ein tragfähiges Softwarekonzept dahintersteht. Genau an dieser Stelle zeigen sich häufig die Grenzen von Citizen-Developer-Ansätzen.

 

 

Sebastian Dietrich

Ein weiteres Konzept, das man häufig sieht, insbesondere in der externen Kommunikation, wenn Lösungen als besonders einsteigerfreundlich positioniert werden, sind grafische Drag-and-Drop-Oberflächen. Am anderen Ende des Spektrums entsteht nun mit Vibe Coding ein Ansatz, der auf natürlicher Sprache und KI basiert. Sind das zwei Extreme, oder sprechen diese Ansätze einfach unterschiedliche Zielgruppen an?

 

 

Christian Linn

Sie sprechen in erster Linie unterschiedliche Zielgruppen an, auch wenn das zugrunde liegende Ziel sehr ähnlich ist. Beide Ansätze zielen darauf ab, die Entwicklungszeit von Softwareanwendungen deutlich zu verkürzen.

 

Low-Code-Ansätze mit grafischen Benutzeroberflächen richten sich vor allem an Citizen Developer, können aber je nach Anwendungsfall auch professionelle Entwickler unterstützen, indem sie eine schnelle Umsetzung ermöglichen. Vibe Coding hingegen ist ein relativ neuer Ansatz, bei dem Softwareentwicklung durch KI über natürliche Sprache oder Spracheingaben gesteuert wird.

 

Beide Ansätze haben ihre Vorteile, aber auch ihre Einschränkungen. In der Praxis, insbesondere im Bereich der Prozessautomatisierung und Enterprise-Software, wird sich für viele Anwendungsfälle eine Lösung irgendwo zwischen diesen Extremen etablieren.

 

 

Sebastian Dietrich

Wenn diese Ansätze den Weg von der Idee zur Anwendung für unterschiedliche Zielgruppen verkürzen, ist das natürlich attraktiv. Gleichzeitig müssen Anwendungen und Architekturen weiterhin validiert und optimiert werden. Bedeutet das eine Rückkehr zu Pro-Code-Entwicklung, oder zeigt es vielmehr, dass man ohne tiefgehende Coding-Kompetenz das Gesamtbild nicht vollständig erfassen kann?

Vibe coding tools

Christian Linn

Diese Frage ist eng damit verbunden, ob wir künftig weiterhin Softwareentwickler benötigen, die tatsächlich Code schreiben können. Meine Antwort darauf ist eindeutig: ja, absolut.

 

Vibe-Coding-Tools und Coding-Assistenten sind in erster Linie Werkzeuge, um das Schreiben von Code und die Entwicklung von Anwendungen zu beschleunigen. Dort, wo sie weiterhin an Grenzen stoßen und wo tiefgehende Expertise notwendig bleibt, ist der Bereich Architektur und technisches Design. Dazu zählen Modularisierung, das Design komplexer Systeme und das Verständnis dafür, wie sich eine Anwendung im Gesamtsystem verhält.

 

Das Schreiben von Code ist nur ein Teil der Softwareentwicklung. Genau hier können diese Tools sehr gut unterstützen. Wenn es jedoch um geschäftskritische Software geht, braucht es Erfahrung, um robuste Architekturen zu entwerfen sowie Sicherheit, Performance und langfristige Wartbarkeit sicherzustellen. Diese Expertise lässt sich nicht ersetzen.

 

Was wir allerdings sehen werden, ist, dass KI-gestützte Entwicklungsansätze klassischen Low-Code-Lösungen zunehmend Konkurrenz machen. Einfache Anwendungen, Demos, Proofs of Concept und Prototypen lassen sich bereits heute extrem schnell über natürliche Sprache realisieren. In vielen Fällen ist das sogar schneller als mit klassischen Low-Code-Werkzeugen. Ich gehe davon aus, dass sich dieser Trend weiter verstärken wird.

 

 

Sebastian Dietrich

Mit Blick auf 2026 würdest du also sagen, dass wir uns auf einen Sweet Spot zwischen Low-Code und professionellen Pro-Code-Frameworks zubewegen?

Christian Linn

Ich halte es für sinnvoll, hier zwischen drei Bereichen zu unterscheiden. Klassische Low-Code-Ansätze eignen sich gut für Anwendungen mit begrenzter Kritikalität, insbesondere dann, wenn es im Unternehmenskontext ausreichende Governance- und Compliance-Strukturen gibt, um solche Anwendungen sicher zu betreiben. In diesen Fällen können sie sehr hilfreich sein, um bestimmte Use Cases in einzelnen Fachbereichen umzusetzen.

 

Vibe Coding zeigt seine Stärken vor allem bei Demos, Proofs of Concept und Prototypen. Es ermöglicht, Ideen sehr schnell zu validieren, Feedback einzuholen und weiterzuentwickeln. Dafür ist dieser Ansatz hervorragend geeignet.

 

Wenn wir jedoch über produktive Enterprise-Anwendungen sprechen, also über zentrale IT-Systeme und geschäftskritische Kernprozesse, benötigen wir weiterhin eine Kombination aus KI-gestützter Codegenerierung und gezielter Pro-Code-Entwicklung. Die Expertise erfahrener Softwareentwickler bleibt entscheidend, um sicherzustellen, dass diese Systeme den Anforderungen moderner Unternehmens-IT gerecht werden.

 

 

Sebastian Dietrich

Wenn wir alle Ebenen betrachten, von Plattformanbietern bis hin zu Endanwendern, die kleine Anwendungen entwickeln, wissen wir, dass Entwicklung allein nicht ausreicht. Ein großer Teil der Arbeit entfällt auf Debugging und vor allem auf Testing. Ist das ein Bereich, in dem KI-Agenten bereits heute klaren Mehrwert liefern?

AI Agents

Christian Linn

Absolutely. AI already supports many different phases of the software lifecycle. We’ve talked a lot about development, such as code generation, test generation, documentation, and translating requirements into technical specifications.

 

Beyond that, AI and AI agents are increasingly supporting the operational side of software. This includes monitoring, error analysis, and in some cases even autonomous debugging. In certain scenarios, AI can identify issues, correct them, and redeploy updated versions of software automatically.

 

There are many areas where AI agents are already providing real value in software operations. This is also a direction in which we plan to further expand the Scheer PAS platform in 2026.

 

 

Sebastian Dietrich

So in short, agentic AI brings more control and support, rather than simply producing outputs without oversight.

 

 

Christian Linn

Exactly. In enterprise software, development is only one part of the equation. Operation and maintenance are just as critical. If AI can support both areas while still allowing organizations to retain control, then it becomes truly valuable.

 

 

Sebastian Dietrich

That’s a great way to wrap it up. Thank you, Christian.